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Aufstieg durch Gelassenheit: Vom Dillmann-Schüler zum erfolgreichen Wirtschaftsjournalisten

Dr. Rainer Hank
Leiter der Wirtschaftsredaktion der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

Dillmann Alumni: Vom Dillmann-Schüler zum Leiter der Wirtschaftsredaktion der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Wie kam es dazu? Dr. Rainer Hank: Schon im Dillmann-Gymnasium hatte ich Freude am Schreiben gefunden. Keine Gedichte oder Erzählungen, denn zum Lyriker oder Novellisten tauge ich wahrscheinlich nicht. Aber Aufsätze habe ich gerne geschrieben. Und das verdanke ich meinem Deutschlehrer. Der hat mir das Aufsatzschreiben als eine spannende Tätigkeit beigebracht.

Wie hieß dieser Deutschlehrer? Er heißt Ulrich Schülke. Von ihm habe ich gelernt, eine kontroverse Frage konsequent „durchzuargumentieren“. Seine ein bisschen absurde Standardfrage lautete: Ist das Halten von Schildkröten nützlich oder schädlich? Das ist ein wunderschönes Beispiel, bei dem man Argumente ausprobieren kann. Es ist ziemlich egal, wofür Sie sind. Aber Sie müssen stringent und konsequent vorgehen. Sie müsse alle guten Argumente für die Schädlichkeit und alle für die Nützlichkeit zusammentragen und sie dann gewichten. Schülke hat uns die Architektonik und die Logik der Argumentation gezeigt.

Was war noch prägend in Ihrer Schulzeit? Der Musikunterricht. In vielen Schulen ist der Musikunterricht  eher unbeliebt. Aber Hans-Peter Collmers Musikunterricht war beliebt. Er hat alle angeregt, ein Instrument zu spielen. Ich habe Bratsche gelernt. Geprägt haben mich auch die Naturwissenschaften, die ich im Abitur zum Schwerpunkt gemacht habe. Obwohl ich später mit Naturwissenschaften nichts mehr zu tun hatte, habe ich das Interesse und die Neugier auf die Arten der Welterklärung und Welterzeugung beibehalten.

Sie haben katholische Theologie, Philosophie und Germanistik studiert. Das sind Studienfächer, bei denen Eltern Ihren Kindern oft sagen „Finger weg, da wird nichts aus dir!“. Woher nahmen Sie dennoch die Gewissheit, dass Sie auf dem richtigen Weg sind? Ich habe mir den Luxus erlaubt, erst einmal das zu studieren, was mich interessierte. Nachdenken über Weisen der Welterzeugung eben. Was dann beruflich aus mir würde, war – zunächst - zweitrangig. Das war damals weniger riskant, irrwitzig oder heroisch als heute. Denn Anfang der Siebziger Jahre waren wir aufgewachsen in der Gewissheit der Nachkriegsvollbeschäftigungszeit. Irgendwie bekam jeder einen Job. Das hat sich dann ja erst nach dem Ölpreisschock 1973 geändert, weswegen es tatsächlich erst nach meinem Examen so langsam anfing, beruflich heikel zu werden. Studium war für mich fortgesetzte Schule. In der Schule wurde meine Neugier befriedigt. So wollte ich weitermachen. Ich wollte Welten entdecken, die mir zuhause nicht erschlossen wurden.

Sie haben dann beim Cusanuswerk, einer bischöflichen Studienförderung, als Referent zu arbeiten begonnen. War da schon ein journalistisches, politisches Interesse geweckt? Ja. Journalistisches Interesse gab es auch schon in der Schulzeit. Aber auf eine Anfrage bei der Stuttgarter Zeitung wurde mir – freundlich, aber bestimmt – bedeutet, ich solle erst einmal studieren und mich dann wieder melden. Was ich dann allerdings nicht mehr getan habe. Im Cusanuswerk habe ich Seminare zu politischen, juristischen oder philosophischen Themen für Stipendiaten veranstaltet, und mich selbst dabei auch weitergebildet.

Nach dieser Zeit wurden Sie Journalist. Wie ist Ihnen als Referent eines Bildungswerkes der Einstieg bei einer renommierten Tageszeitung wie der FAZ gelungen? Karrieren sind nicht planbar. Wer sich ein berufliches Ziel vornimmt, das er unbedingt erreichen will, wird dabei mit hoher Wahrscheinlichkeit scheitern. Karrieren sind meiner Erfahrung nach immer eine Mischung aus Zielstrebigkeit und Zufall. Es braucht ein „Window of Opportunity“ und die Aufmerksamkeit, wann gerade im Leben so ein Fenster offen steht. Die FAZ hat immer unkonventionelle Ausbildungswege belohnt und nie nur auf klassischen Zugangswege – Volontariat oder Journalistenschule – geachtet. Aber ganz ohne Voraussetzungen haben die mich auch nicht genommen.

Sie haben ein Praktikum gemacht. Mehrere Praktika. Und zwar bei der Süddeutschen Zeitung und bei der FAZ. Bei der Süddeutschen habe ich das journalistische Handwerk gelernt: Was ist eine Meldung? Wie wird sie aufgebaut? Wie funktioniert der für Nachrichten so wichtige Konjunktiv der indirekten Rede. Den korrekten Gebrauch des Konjunktivs lernt man weder im Dillmann-Gymnasium noch im Germanistik-Studium. Bei der FAZ habe ich im Feuilleton hospitiert. Dort hat man mir beigebracht, wie man Texte redigiert, also den Texte eines Autors in dessen Sinn verbessert. Eine sehr geschätzte ältere Feuilleton-Redakteurin, Maria Frisè hat mir aber auch – mit Engelsgeduld – gezeigt, dass ich noch nicht einmal einfache Bildunterschriften unter Kinderbuchillustrationen zu schreiben in der Lage bin. Das war für mich einigermaßen schmerzhaft – und lehrreich.

Politische Redaktion, Feuilleton – wie kamen Sie dann zur Wirtschaftsredaktion? Das war so ein Window of Opportunity. Die FAZ-Wirtschaftsredaktion suchte einen Redakteur. Ich habe wahrheitsgemäß gesagt, dass ich von Wirtschaft keine Ahnung habe. Das nehme man in Kauf, hieß es, wenn ich verspreche, mir das nötige ökonomische Wissen anzueignen. Das Versprechen habe ich gerne gegeben. Es war die Chance eines weiteren Studiums in der Praxis. Vor allem den täglichen Konferenzen der FAZ-Wirtschaftsredaktion verdanke ich enorm viel Nachhilfe. Den Rest habe ich mir autodidaktisch angeeignet – und schließlich auch noch während eines Sabbaticals an der Business School des MIT in Boston. 

Sind Sie als Journalist eher nur ein distanzierter Beobachter oder gibt es auch einen politischen Gestaltungsdrang? Ich bin ein Beobachter mit einer dezidiert eigenen Meinung. Und mit dieser Meinung will ich sicher auch gestalten. Ich will politisch gestalten, aber nicht, indem ich mich für Sozialdemokraten, die Union oder irgendeine andere Partei einsetze. Sondern indem ich mich für mehr Freiheit einsetze. Aus diesem Grundsatz, der sich auf den ersten Blick unverbindlich und pathetisch anhört, kann man wirtschaftspolitisch sehr viel ableiten: Ein Staat, der seinen Bürgern weniger Steuern nimmt, gibt ihnen mehr Freiheit. Ein Staat, der es den Menschen – und nicht den Gewerkschaften - überlässt, in ihren Betrieben Löhne und Arbeitsbedingungen zu regeln, gibt ihnen Freiheit. Und so weiter. 

Sie haben eine ganze Reihe von Büchern geschrieben, etwa „Das Ende der Gleichheit“ im Jahr 2000 oder zuletzt 2004 „Bubenstücke“. Was bewegt einen dazu? Journalisten leiden darunter, dass sie immer nur Artikel schreiben, die am nächsten Tag in nasse Schuhe gestopft werden. Das kränkt einen. Manchmal träumen sie davon, etwas zu schreiben, das ein bisschen länger hält.

Sie schreiben Bücher, um der Kränkung zu entgehen? Ja, das ist auch ein Motiv. Ist das schlimm? Ich schreibe aber auch Bücher, weil ich die essayistische Form liebe. Die kommt im journalistischen Alltag häufig nicht zum Zuge. Der Essay bietet die Chance, ein Thema ausführlicher und nuancenreicher zu behandeln als ein Zeitungsartikel. Er bietet auch die Chance, riskanter zu argumentieren. Denn in der Zeitung schreibe ich ja nie nur auf eigene Verantwortung, sondern auch im Verbund einer Redaktion. Als Buchautor bin ich ganz frei und kann darauf hoffen, dass den Lesern meine Argumente einleuchten. Ein Lob auf die Ungleichheit zu schreiben ist – jedenfalls in Deutschland – schon ein bisschen riskant.

Leiter einer Wirtschaftsredaktion und Buchautor – lässt sich das zeitlich vereinbaren? Hat man da noch Zeit für Freizeit und Familie? Wenig. Aber Sie müssen sehen, dass ich in den letzten Jahren weniger Bücher geschrieben habe. Das letzte wirklich umfangreiche Buch war „Das Ende der Gleichheit“. Das habe ich geschrieben, lange bevor ich leitender Redakteur geworden bin. Außerdem leiste mich mir sonst keine weiteren Hobbys: Ich spiele weder Golf, noch habe ich das Zeug zum Heimwerker, der am Wochenende den Dachstuhl umbaut.

Sie arbeiten für eine Sonnstagszeitung. Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus? Welcher Tag der Woche ist am stressigsten? Der Freitag. Am Freitag müssen erste Seiten der Sonntagszeitung bereits abgeschlossen werden. Zugleich bemühen wir uns, sehr aktuell auf Geschehnisse am Freitag noch einzugehen (Interviews, Analysen, Hintergrundgeschichten) und entsprechend neue zu recherchieren und das Blatt umzubauen. In einer sehr kleinen Redaktion führt das dann zu Stress. Am Samstag ist dann zwar auch gut zu tun – der Redaktionsschluss ist erst um 18 Uhr 30. Aber es passiert an so einem Tag – zumindest in der Welt der Wirtschaft und des Geldes – weniger als unter der Woche.

Welchen Rat können Sie angesichts hoher Arbeitslosigkeit und Wettbewerbdrucks heutigen Schülern geben? Sollen sie alle schnell und strebsam sein? Was ist schlimm an Strebsamkeit? Aber weil Sie vom Wettbewerbsdruck sprechen: Wer meint, sich dem entziehen zu sollen, hat schon verloren. Besser wäre, sich dem Wettbewerb zu stellen. Das heißt, sich sportlich darum bemühen, besser, kreativer, pfiffiger und schneller zu sein als die anderen. Das gelingt freilich nur dem, der Vertrauen zu sich selbst entwickelt hat. Und es gelingt auch nur mit einer großen Portion Gelassenheit.

Vielen Dank!

Das Interview im September 2004 führte Claudius Werwigk, Fotos: Kerim Arpad

 

 

Die Person 

Dr. Rainer Hank wurde am 24. Januar 1953 in Stuttgart geboren und machte 1972 am Dillmann-Gymnasium sein Abitur. Danach studierte er in Tübingen und Fribourg/Schweiz Literaturwissenschaft, Philosophie und katholische Theologie. Nach seiner Promotion arbeitete er von 1983 bis 1988 als Referent im Cusanuswerk. 1988 begann er bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als Wirtschaftsredakteur, 2000 wurde er Leiter der Wirtschaftsredaktion beim Berliner Tagesspiegel. Seit 2001 ist er Leiter der Wirtschaftsredaktion der Frankfurter Allgemeinen Sonnstagszeitung.

 

Das Unternehmen 

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) wurde als überregionale Sonntagszeitung im Jahr 2001 gegründet. Sie hat unterdessen eine Auflage von 300000 erreicht jeden Sonntag 1,3 Millionen Leser. Getragen vom liberalen Geist der FAZ, will die FAS – dem Sonntag gemäß – auf unterhaltsame Art informieren und analysieren. Die großen Themen der vergangenen und der bevorstehenden Woche sind in der Zeitung präsent. Viele Beilagen demonstrieren den Anspruch größtmöglicher Vielfalt: Für jeden in der Familie soll am Sonntag etwas zum Lesen dabei sein.

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