Alumni Forum zur US-Präsidentschaftswahl

Am 4. November 2008, dem Tag der mit Spannung erwarteten US-Präsidentschaftswahl, hielt der Soziologieprofessor Eugen Buß im Rahmen des erstmals in der Aula stattfindenden Alumni Forums einen Vortrag zum Thema "Was Deutschland von Amerika unterscheidet – eine Bestandsaufnahme". Buß, der an der Universität Stuttgart-Hohenheim lehrt, beschrieb eindrucksvoll die Unterschiede zwischen der amerikanischen und der deutschen Gesellschaft. Dabei lenkte er die Aufmerksamkeit seiner knapp 40 Zuhörer vor allem auf die positiven As-pekte der amerikanischen Gesellschaft – was in der anschließenden Diskussion freilich nicht ohne Widerspruch blieb.

Buß skizzierte zunächst die Entwicklung der deutschen Amerika-Wahrnehmung: "Amerika hat es besser als unser Kontinent, der alte, denn der neue Kontinent wird nicht erdrückt von den Lasten der Tradition", zitierte er Goethe. Aber auch der Antiamerikanismus habe in Deutschland Tradition.

Seit dem Ende der 60iger Jahre spreche man in Deutschland immer wieder voller Ressentiments von der "Amerikanisierung", der "Coca-Kolonialisierung" oder der "McDonaldisierung", wenn es um das Verhältnis zu Amerika gehe. Zwar gebe es heute ca. 2.600 Hamburger-Restaurants in Deutschland, zugleich auch rund 23.000 italienische Restaurants. Gleichwohl existiere der Begriff der "Cappuccinisierung" nicht.

Der deutschen Gesellschaft diagnostizierte Buß, der sich letzten Jahren mit dem Führungsver-ständnis deutscher Spitzenmanager sowie der Religiosität und Spiritualität in Deutschland befasst hat, eine Identitätskrise. Es gehöre Umfragen zufolge seit langem zur Stimmungslage in Deutschland, dass sich die Menschen nicht mehr emotional mit den politischen und wirtschaftlichen Institutionen identifizierten. So seien etwa nur 7 % der Deutschen stolz auf ihre Regierungsform und ihre politischen Institutionen.

Demgegenüber bekundeten ca. 85 % der Amerikaner, sie seien sehr stolz auf ihre Institutionen. Im Gegensatz zu Amerika bestehe in Deutschland eine Art kollektives Identitäts-Vakuum. Deutschland verfüge über keine die Loyalitätsgefühle der Menschen erreichenden Ideen oder Institutionen. Dagegen gebe es in Amerika eine gefestigte nationale und religiös untermauerte Identitätskonstruktion, so dass es heute eine moderne Nation mit einem klaren nationalen und zivilreligiösen Profil sei.

Nach Einschätzung des Sozialwissenschaftlers steht die deutsche Gesellschaft aufgrund seiner Identitätskrise vor großen Herausforderungen. Von Amerika könne man dabei einiges lernen, etwa die Bedeutung einer kollektiven Identität für bürgerschaftliches Engagement und demo-kratische Tugenden sowie die Bedeutung einer Wertgemeinschaft im Gegensatz zu einer Interessengemeinschaft. An den Vortrag schloss sich eine lebhafte Diskussion an.

Dr. Claudius Werwigk

 

 


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