4. Dillmann Kunstmarkt 2008

Ludwig Fricker:
Der Kunstkurator

 
Moderne Kunst, die nicht erbaulich,
ist dadurch häufig unverdaulich.
Todtraurig wirkt sie oft und schwer
und von allem Blute leer.

Es wird geschaltet deshalb vor,
Spezialist Kunstkurator.
Er kleidet Kunst in feine Worte
von der ganz flexiblen Sorte.

Vom Kurator ein gemachter
Experte wird der Kunstbetrachter.
Er lernt, daß seine eignen Augen
bei Kunstbetrachtung nicht viel taugen.
Diktatur als Kunstgenuß
er nun halt verdauen muß.

Entgegen der Aussage dieses Gedichts von Ludwig Fricker empfinden Mario Strzelski und ich uns nicht als Kunstdiktatoren, sondern als Kunstvermittler, mit Betonung auf "Vermittler". Bei der Organisation und Präsentation des Dillmann-Kunstmarktes und auch bei der Gestaltung der Eröffnungs-Zeremonie ist es uns wichtig, die Besucher nicht mit unnötigen
Verweisen, kunsthistorischem Hintergrundswissen oder Vergleichen mit anderen Künstlern einzuschüchtern, sondern sie zu motivieren, auf die Kunst mit offenen Augen, mit offenen Ohren, mit offenem Hirn - und möglichst auch mit offenem Geldbeutel - zuzugehen.
Dieses Mal hat Timo Brunke die Eröffnungs-Performance bestritten. Der Stuttgarter Comedian und Slam-Poet, der schneller spricht als sein Schatten, hat in seiner etwa zehnminütigen Darbietung mit allerhand Kinderreim-Klischees aufgeräumt. Brunkes Adaptionen des Kinderliedes "Drei Chinesen mit dem Kontrabass", mit denen er den inhaltlichen Schwerpunkt des 4. Dillmann Kunstmarkts aufgriff, waren lustig, nicht immer jugendfrei, skurril und höchst unterhaltsam.

"Todtraurig, schwer und von allem Blute leer" war die Kunst, die auf den bisher vier Dillmann Kunstmärkten zu sehen war, nie. Überhaupt räumt der Dillmann Kunstmarkt mit einigen Klischees auf, die sich möglicherweise in manchen Köpfen eingenistet haben - zum Beispiel mit der Klischee-Vorstellung, dass Kunstmärkte eher Handwerkermärkte als Ausstellungen sind. Ich persönlich kenne in ganz Deutschland keine andere Stiftung einer Schule, die es zustande gebracht hat, einen Kunstmarkt auf diesem hohem künstlerischen Niveau zu etablieren. Wer sich aktiv in der jungen Kunstszene Stuttgarts bewegt, hat in der neuen Aula des Dillmann-Gymnasiums wieder einige gute Bekannte getroffen. Gespräche haben gezeigt, dass die Besucher die Mühe, die hinter der durchdachten Hängung und
Stellung der Ausstellung steckt, durchaus bemerkt haben und die dialogisch angelegten Kombinationen und Konfrontationen zu schätzen wussten.

Zudem räumte auch der 4. Dillmann Kunstmarkt wieder mit der Klischee-Vorstellung auf, dass eine passive, stillschweigende Rezeption die einzige adäquate Form der Kunstannäherung ist. Nein! Kunst und Spaß müssen sich nicht ausschließen. Beim Dillmann Kunstmarkt durften die Besucher vor den Gemälden von Xianwei Zhu, vor den Objekt-Kästen von Petra Kikel oder vor den Skulpturen von Thomas Putze grinsen, lächeln und auch lachen.

Besonders ergiebig war der 4. Dillmann Kunstmarkt auch im Abbau von Klischees vom zeitgenössischen Künstler, vor allem im Abbau von Klischees vom asiatischen Künstler. Ein Großteil der 24 Künstler war während des Kunstmarkt-Wochenendes wieder vor Ort und freute sich über mutige, interessierte Kunst-Fans. Und siehe da: Der Typus Künstler, der weltfremd und in sich verschlossen ist und im schwarzen Rollkragen-Pulli oder mit Baskenmütze und Ringel-Shirt herumläuft, ist ausgestorben (falls es diesen Typus überhaupt jemals wirklich gab). Und nicht alle asiatischen Künstler produzieren kaligrafische Schriftzeichen oder Porzellanskulpturen.

2008 lag der Fokus des Dillmann-Kunstmarkts, der von der Dillmann-Stiftung mit Unterstützung von Mario Strzelski und mir organisiert und kuratiert wird, auf junger asiatischer Kunst. Gleich sieben Positionen aus China und Süd-Korea reflektierten Klischees asiatischer Kunst. Yi Sun benutzt für ihre Papierarbeiten zwar auch Tinte, erschafft mit Ihnen aber surreale, filigrane Figuren, welche asiatische und westliche "Marken" vereinen. Mit einem gewitzten Augenzwinkern in Richtung Salvador Dali ließ Mi-Yeon Ju ihre Porzellan-Tassen über die Tischkante dahin schmelzen. Überhaupt hat sich das Thema "Ost trifft West" durch einen Großteil der Exponate gezogen. So hat Xianwei Zhu eine Serie mit Gemälden erschaffen, in denen er Buddha-Figuren mit den Insignien des Westens konfrontiert und kombiniert. Heasun Kim verpasste Dutzenden von gesichtslosen Ton-Figuren Superhelden-Masken. Sangho Park zeigte digital verfremdete und deshalb höchst surreale Stadtansichten und Autos. Seunghee Hong präsentierte ihre in poetischen Schwarz-Weiß-Fotografien festgehaltenen Emotionsräume. Jungmin Ryu zeigte
ihre digital bearbeiteten Fotografien, in denen sie Stadtansichten zu
surrealen Anordnungen zusammensetzt.

Mit den zwischen Figuration und Abstraktion changierenden Plastiken von Uli Gsell, Manuela Tirler, Thomas Putze und Birgit Rehfeldt haben wir auf die vermehrte Nachfrage nach plastischen Werken reagiert, zeigten aber Formfindungen jenseits des klassischen Skulpturenbegriffs.

Auch diesmal habe ich wieder einige Überraschungen erlebt: Eine Überdosis Flammkuchen zieht keine ernsten medizinischen Folgen nach sich - zumindest, wenn er vom Team des Dillmann-Küchenkabinetts zubereitet wurde. Die Quote der Künstler, die auch nach 10 Stunden "Bereitschaftsdienst" vor Ort, noch fröhlich und gutgelaunt sind, ist erfreulich hoch. Wahnsinn, wie engagiert alle Künstler wieder beim Auf- und Abbau waren! Ein großes "Dankeschön" geht aber auch an Michael Herwarth und Eckardt Bihler für ihre Unterstützung und für das erneute Vertrauen, das die beiden in Mario Strzelski und mich gesetzt haben.

2009 jährt sich der Dillmann Kunstmarkt zum 5. Mal. Dieses
Jubiläum wird gebührend gefeiert! 

Marko Schacher
Kurator des Dillmann Kunstmarktes

Rückblick Kunstmarkt 2005

Rückblick Kunstmarkt 2006

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FERIENTICKER:
Noch Tag(e) bis zu den Sommerferien!